LEHRKRÄFTE

Lehrer können den Forscherdrang wecken!

Liebe Kollegin, lieber Kollege,

wissen Sie was ein „Bambi-Syndrom“ ist? Der Marburger Natursoziologe Rainer Brämer beschreibt mit diesem Begriff das verzerrte Bild, das unsere Schüler von der Natur haben. Jugendliche verlieren den Bezug zur Natur, weil sie über 90% ihres Lebens hinter Fenstern, Bildschirmen und Displays zubringen. Natur ist für sie allenfalls eine schöne Kulisse. Lehrer der naturwissenschaftlichen Fächer haben es immer schwerer, Schüler mit einem so realitätsfremden und verniedlichenden Natur-Begriff zu erreichen.

Für den deutschen Nobelreisträger Peter Grünberg begann das Interesse für die Naturwissen-schaften mit der Frage, wie das wohl kommt, dass sich die Planeten um die Sonne drehen. Sein Physiklehrer hat es ihm erklärt und daraus wurde eine Leidenschaft, die ihn bis heute nicht loslässt. Wenn unsere Kinder solche Fragen stellen und wenn sie immer mehr wissen wollen, dann können wir auch weiterhin mit Nobelpreisträgern rechnen. Die Neugierde an Natur und Technik kann nie früh genug geweckt werden. Man mag es mir nachsehen, dass ich als erklärter Fan die Sendung mit der Maus an einem Zitat des Maus-Machers Christoph Biemann zum Erfolgsrezept dieser Sendung nicht vorbeikomme: „Sie beantwortet Kindern Fragen, die sich Erwachsene nicht mehr stellen trauen.“ Auch ich habe bei der Sendung mit der Maus viel gelernt und konnte so meine Schwächen vor meinen Kindern verbergen.

Lehrer können den Forscherdrang von Schülern wecken und sie in ferne Wissenswelten entführen. Der besondere Reiz kann für den Schüler darin bestehen, dass er sich von seiner passiven Rolle als Wissenskonsument befreit und zum Produzenten von Wissen wird. Das ist ein spannender Prozess, der viel Kraft und Kreativität freisetzen kann und Schülerqualitäten an den Tag fördert, die dem Lehrer im Klassenunterricht verborgen bleiben. Forschen ist die Aufforderung zum Experimentieren und der Versuch, Kopf- und Handarbeit miteinander zu verbinden. Auch das macht ihren Reiz aus, in dieser verkopften Schulwelt. Natürlich ist Forschen auch zeitraubend und kommt nicht ohne Frustrationen aus.

Und was hat der Lehrer davon? Er darf das monotone Pflichtprogramm des Klassenunter-richtes verlassen und frei und ganz nah am Schüler arbeiten. Er erlebt junge Menschen jenseits von Lehrplänen und Notendruck und er lernt, sie mit ganz anderen Augen zu sehen. Der ungezwungene Umgang mit ihnen, fast auf Augenhöhe, führt häufig zu einem unmittel-baren, positiven Feedback von Schülern und Eltern. Solche Komplimente bekommen Lehrer meist erst bei Jubiläumsfeiern ihrer Ex-Abiturienten zu hören. Häufig werden Betreuungs-lehrer von Jungforschern zu Weichenstellern fürs Leben und bleiben auch nach der Schulzeit Bezugsperson. Und übrigens: Ein Engagement über den Unterricht hinaus ist ein gutes Rezept des Lehrers gegen die Leere, aber nur dann, wenn es sich nicht im Altruismus erschöpft.

Roland Full